Zweihundert Prozent
Beinahe 200 % aller Kinder wollen Haustiere, sagt Clara Stein. Nach ihren Berechnungen, meint sie, brauchen Kinder einen Begleiter, einen Freund. Kennen sie es auch, dass ihre Kinder ein Haustier wollen? Grübeln sie schon, ob sie eins kaufen wollen oder bleiben sie hart? Sind sie sich bewust wiefiel Verantwortung sie übernemen? Futter, Futternapf. Ich selber habe einen Hund. Ich muss zugeben, dass Hunde nicht die schlausten Tiere sind. Überlegen sie es sich noch mal, fals sie eins kaufen wollen.
Geschrieben von Clara Stein 8 Jahre alt aus Salzburg.
Ja, diese Einsicht wünschte ich auch bei dem ein oder anderen erwachsenen Hundebesitzer erkennen zu können. Nicht selten würde ich den Zweibeinern gerne einen guten Rat mit auf den Gassiweg geben: Kauft euch ein Eis, ein Stofftier, einen Aibo oder reduziert eure Wünsche auf das Halten und Füttern einer Schildkröte. Aber bitte, bitte, bitte, lasst die Finger von Hunden.
Beispiele erwünscht? Gerne… da hätten wir zum Beispiel den "Hundekarussell-Besitzer": Bertha, ihre Leine hängt lässig um meinen Hals, trippelt am Wegesrand entlang. Völlig uninteressiert an gewalttätigen Exzessen, lediglich siebeneinhalb Kilo schwer und gänzlich ohne Terrorerfahrung.
Vor uns taucht ein mittelaltes Ehepaar mit drahtigem Foxterrier-Rüden auf. Hund bedauernswerterweise an der Leine. Bertha schaut hoch, aha, ein Artgenosse, dem will ich mal kurz hallo sagen, sprich am Hinterteil schnuppern. Ehepaar wird unruhig, hektische Blicke werden gewechselt, Leine wird kurz genommen und man bleibt stehen. Dabei sollte jeder Hundebesitzer wissen: Stehen bleiben ist immer Mist. Vor allem, wenn man von Hund und auch sonst nix eine Ahnung hat. Deshalb noch einmal mein dringender Appell: NIE STEHEN BLEIBEN, IMMER LAND GEWINNEN!
Bevor Bertha den Hundepopo in Augenschein nehmen kann, bricht eine lautstarke Schreierei los: "Nehmen Sie Ihren Hund an die Leine. Der geht auf meinen Hund los. Nehmen Sie …". Der menschliche Affentanz endet im ruckartigen Hochziehen der Leine mit echtem Hund am anderen Ende. Es folgt ein rhythmisches Kreisen um die eigene Achse, begleitet von den Aufschreien der heftig gestikulierenden Gattin. Der Hund dreht sich wie ein zahlender Kettenkarussellgast um sein Herrchen und versucht krampfhaft zu überleben.
Meine Bertha ist nur eines: entzückt. Was für eine Show! Wirbelnder Terrier am Strick. Und das Ganze nur für sie. Da muss man doch einfach zupacken und in den wirbelnden Pöppes beißen. Noch eine Spezies möchte ich erwähnen, den "stoischen Leinen-Zwang-Halter": Bertha, ich gestehe, wieder leinenlos, marschiert schnüffelnd am Rheinufer entlang. Es kommt uns ein kleiner Mischlingsrüde nebst Herrchen entgegen. Beide an der Leine. Tja, Pech gehabt. Bertha erkennt Unterlegene sofort. Angeleintes Herrchen zerrt seinen vierbeinigen Leidgenossen in Richtung Blumenmäuerchen. Bertha wittert ihre Chance. Jetzt kann sie Zombie aus der Hundetasche spielen und den doppelt so großen Rüden nebst Begleitperson ein bisschen erschrecken, sprich Bertha knurrt kurz und macht einen kleinen Hopser in die Höhe.
Alle vier Pfoten befinden sich dann kurzzeitig in der Luft und sie sieht aus, als ob sie der Augsburger Puppenkiste entsprungen wäre. Der andere Hund macht gar nichts und schaut nur verdutzt. Hätte sein Herrchen sich daran nur ein Beispiel genommen – schweigen und staunen. Nein, der Mann macht leider seinen Mund auf.
Er: "Da sehen Sie, was passiert, wenn Hunde nicht angeleint sind. Gell, Nebukadnezar.“
Ich: "Nebukad … was? Auch egal … äh, was ist denn eigentlich wo passiert?"
Er: "Ja, was ihre Töle gerade gemacht hat."
Ich: "Ach, was hat sie denn gemacht. Den Namen von ihrem Hund falsch buchstabiert?"
Er: "Sie wissen genau, was ich meine. Ihr Köter ist auf meinen Nebukadnezar losgegangen."
Ich: "So, so, was Sie nicht sagen." Er: "Solche Leute wie Sie sollte man anzeigen."
Ich: "Genau."
Wie ich das hasse! Und warum werden solche Hundenamen nicht strafrechtlich verfolgt? Obwohl, unsere Nachbarin hat ihren Sohn „Lanzelot“ getauft. Lassen wir uns das noch einmal auf der Zunge zergehen: L A N Z E L O T. Noch ist der arme Knirps nicht in der Schule. Aber ich prophezeie eines: Er wird es schwer haben. Sehr schwer!
Aber zurück zu den Vierbeinern, deren Halter und einigen simplen Wahrheiten:
- Hunde bellen, knurren und rempeln auch mal kurz einen Artgenossen an. Das ist kein Weltuntergang.
- Kleine Hunde gebärden sich immer gefährlicher und wichtiger, als ihre großen Artgenossen. Das kennen wir schon von europäischen Regierungschefs und die werden trotzdem gewählt. Also, was ist das kleinere Übel? Berthas wuff-wuff oder Berlusconis bunga-bunga?
- Zügig weggehen ist immer besser als abwartend stehenbleiben. Egal, ob es sich um nahende Hunde, Züge oder Versicherungsvertreter handelt.
- Hunde sind keine Menschen. Und das ist gut so.
September 2011