Zimmer mit Hund ohne Aussicht
Jedes Jahr das gleiche Spiel: Wir wollen verreisen … und zwar mit Hund.
Nicht-Hundemenschen schauen nun verständnislos und sagen: „Ja, und? Wo liegt das Problem?“ Das Problem liegt meist zu meinen Füßen, im Körbchen, auf einem der unzähligen Kissen, die langsam unsere Wohnung zupflastern, oder sonnt sich gepflegt auf der Terrasse. Das Problem heißt Bertha.
Eigentlich handelt es sich um ein Problemchen, da Bertha klein, kurzhaarig und kastriert ist. Ich will mir gar nicht das Riesenfiasko ausmalen, mit einem langmähnigen Sennenhund-Rüden, der eigentlich ein Doppelzimmer zur Einzelbenutzung benötigt und alles Neue markiert, zu verreisen. In diesem Fall heißt es dann: Unpersönliches Ferien-Apartment als Selbstversorger statt schnuckeliges Hotelzimmer mit Frühstück und Halbpension. Oder der Hund kommt zu Oma und Opa. Die müssten eh viel öfter raus vor die Tür.
Zurück zu Bertha und unserem Urlaub. Südtirol sollte es sein. Die Einheimischen gelten als hundefreundlich, selbst wenn die Halter aus Deutschland stammen und weiße Socken zur Wandersandale tragen. Die Südtiroler sind ein zähes Bergvolk, die überleben auch uns.
Und so begann meine Internet-Suche und zog sich hin und zog sich hin und wollte kein Ende nehmen. Auf meiner „Was-wir-haben-wollen-Urlaubs-Liste“ stand: Schönes, ruhiges, bezahlbares Hotel mit Aussicht und Garten, wo der Hund auch seinen Spaß hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Aber da! Was ist das? Ach, wie herrlich, ein Resort bei Bozen wirbt gar allerliebst mit dem reinsten Tierparadies. Schwäne, Enten, Frösche und ein zahmes Wildschein namens Franzerl - und das alles nicht ausgestopft an der Wand, sondern friedlich vereint in einem großen Park mit viel Grün, alten Bäumen und einem Teich und … aber halt … was lese ich da … Hund kostet 16 Euro … pro Tag … ohne Futter … und nix Park, niente Teich, ne rien Terrasse … der Hund sitzt in Isolationshaft, während Herrchen und Frauchen genüsslich frühstücken, im Park flanieren, faul am Pool liegen und womöglich noch die feisten Enten füttern. Der Hund erlebt also sein persönliches Urlaubs-Alcatraz.
Während mein Finger über der Bestätigungstaste schwebt (Superior-Suite mit eigenem Garten), spüre ich den bohrenden Blick von Bertha in meinem Rücken. Ich drücke resigniert die ESC-Taste und denke an Entenbrust, schön rosa gebraten, Wildsäue, die aufs Korn genommen werden und Schwäne die auf nimmer Wiedersehen gen Norden ziehen. Verdammter Mist. Warum halten wir uns eigentlich keinen Frosch?
Dann fahren wir eben an den Lago Maggiore. Eh viel schöner da. Wasser, Riva-Boote, Mandolinen und Mandarinen. Hah, einen Park gibt es da auch. Soll eine Oase der Ruhe sein und der Hund darf auch mit. Wow, 20 Euro die Nacht und das ohne Wasser und Brot. Was soll’s, immerhin darf das wilde Tier in den Park. Okay, zwar nur an der Leine, aber Bertha kann Gras unter ihren Pfoten spüren und sich den Wind um die Schnauze wehen lassen.
Der Haken an der Sache: Mit Bertha dürfen wir keines der frisch renovierten Zimmer beziehen. Auch die schöne Fernsicht können wir uns abschminken. Die gibt es für uns nicht. Hier gilt: Zimmer mit Hund ohne Aussicht. Basta.
Ich verbrachte Tage, nein, Wochen vor dem Laptop. Meine Laune schwankte von euphorisch „Himmel, ich habe etwas Großartiges gefunden“, bis tiefendeprimiert „Ich verklage ganze Landstriche wegen Verletzung der Menschlichkeit in Verbindung mit Hundlichkeit“.
Und dann passierte das Wunder. Ein Artikel im Reisemagazin mit wunderschönen Bildern von Haus und Garten in Algund bei Meran. Eine Hotelchefin, die mich vom Foto anstrahlte, als ob sie mir zuflüstern würde: „Komm, Claudia, noch ein Versuch. Du wirst es nicht bereuen.“ Und das haben wir wirklich nicht …
Was soll ich sagen? Wir fahren in diesem Jahr zum zweiten Mal nach Algund in „unser“ Hotel, wo Holunderblütensaft jeden Morgen frisch aufgesetzt wird, der Kaffee immer nach einer weiteren Tasse schmeckt, die Marmeladen selber gemacht sind, im Garten ständig etwas anderes wächst, blüht und geerntet wird, die Aussicht zum dahin schmelzen ist und - vor allem - Bertha ein Gast ist und zwar ein gern gesehener.
P.S. Wenn Sie jetzt wissen wollen, wie unser kleines-feines Hotel heißt, dann verrate ich es Ihnen gerne. Aber nur, wenn Sie folgendes beachten:
- Es gibt Hundetüten. Also bitte benutzen. Vor allem in diesem wunderschönen Garten.
- Einige Hunde verursachen Mehrarbeit für das Reinigungspersonal (Haare, Schlamm, Sabber). Akzeptieren Sie bitte, dass neben der generellen Tagesgebühr evtl. eine zusätzliche Endreinigung in Rechnung gestellt werden muss.
- Ein Hund auf Reisen sollte stubenrein und wohlerzogen sein. Alles andere grenzt an Belästigung.
Hotel Maratscher
Frau Doris Moser
Algund bei Meran
www.maratscher.com
… und sagen Sie, dass Bertha Ihnen den Tipp gegeben hat.
September 2011