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KOMM?!

Da stand ich plötzlich mit der Leine in der Hand und absolut keinem Plan. Am anderen Ende der Leine – Sally: vorwurfsvoll, genervt und absolut nicht willig. Sally ist eine sechsjährige Boston Terrier Hündin. Klein, kompakt und charakterstark. Ihr empörter Blick sprach tausend Bände: „Was maßt du dir an? Wer glaubst du, wer du eigentlich bist?“

Sigrun, meine Freundin und ihres Zeichens Hunde-Trainerin und –Psychologin, hatte an diesem Tag beschlossen, eine kleine Leinen-Übung mit Sally und mir durchzuführen. Vor uns in der milden Frühherbst-Sonne lag die wunderschöne Baumallee von Schloss Türnich im Erft-Kreis. Die Trainings-Bedingungen waren somit optimal.

Ich bin mit Hunden aufgewachsen, denn mein Vater war Boxerhund-Fan. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, ob Barry, unser fünfundzwanzig Kilo schwerer Rüde, auch so an der Leine gezogen hat. Sally, die so groß wie unser amerikanischer Toaster ist, legte sich vernehmlich schnaubend ins Hundehalsband.

„Sigrun, die Sally zerrt so, was soll ich tun?“
„Immer wenn sie zerrt, ziehst du sie kurz zurück, dann hängt die Leine durch und Sally merkt, dass es auch ohne Zug geht.“

Aha, soweit Sigrun und ihre Theorie. Sally hielt davon gar nichts. Sie röchelte und zerrte mich von Baum zu Baum, über Stock und Stein. An was erinnerte mich diese Szene nur? Warum hatte ich dieses déjà-vu Erlebnis? Hah, genau, das Sommermärchen 2006 - Borowski beim Klinsmann-WM-Training, als er die Gewichte über’s Spielfeld zog. Sally war der Bundesligaspieler, ich der Amboss.

„Sigrun, der Hund zerrt immer noch.“
„Zurück ziehen – immer wieder!“

Ich zog, Sally zerrte, ich zog, Sally zerrte. Endlich hatte Sigrun mit uns beiden ein Einsehen.

„Okay, jetzt rufst du Sally zu dir und machst sie los.“
„Was soll ich rufen?“
„Probiere es doch einfach mit KOMM.“

Super Idee. Das klang machbar. Ich rief „Komm“ und Sally setzte sich prompt auf ihren runden Hunde-Popo und schaute blasiert in die Luft. Ich probierte es noch einmal: „Komm …“ Sally grunzte genervt und ihr Blick streifte mich verächtlich. Okay, dachte ich, wenn Sally nicht zu mir kommen will, dann gehe ich halt zu ihr. Ich bin da nicht so kleinlich. Der scharfe Ton in Sigruns Stimme stoppe mich abrupt:

„Was machst du da?“
„Na, ich mache die Leine los.“
„Was war mit dem Befehl?“
„Tja, die Sally will halt nicht kommen und da dachte ich, sei mal nett zu dem Hund und geh auf sie zu.“
„Mach das noch zwei, drei Mal und der Hund kommt überhaupt nicht mehr. Du hast die Leine in der Hand. Du bist diejenige, die bestimmt wo es lang geht. Los, noch mal mit Schmackes und klarer Ansage.“

Ich will das Desaster von Schloss Türnich nicht weiter vor Ihnen ausbreiten. Aber es war ein hartes Stück Arbeit. Wohlgemerkt für mich, nicht für den kleinen Hunde-Toaster. Sally ist ja der Profi von uns beiden. Aber ich kann doch mit einer gewissen Portion Stolz vermelden, dass am Ende des Spaziergangs die Leine locker durchhing und Sally kooperativ auf meine Befehle reagierte.

P.S.
Und warum erzähle ich Ihnen das? Weil ich die Tochter dieser Hunde-Zicke seit neun Monaten auf dem Hals bzw. im Haus habe: Bertha.